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Titanenwurz

Entdeckung

Die Titanenwurz aus Sumatra ist eine der spektakulärsten Erscheinungen in der Pflanzenwelt und wurde im 19. Jahrhundert von dem florentinischen Botaniker Odoardo Beccari (1843-1920) entdeckt.

Er beobachtete während einer Expedition im Atjer Mantior am 6. August 1878 Blätter und eine fruchtende Pflanze und am 5. September des gleichen Jahres ein blühendes Exemplar.

Beccari schickte einige Knollen und Samen nach Florenz. Die Knollen gingen zugrunde, aber einige wenige Samen keimten aus, und von diesen Sämlingen wurden einige nach Kew gesandt. Dort gelangte eine Pflanze 1889, also 11 Jahre nach ihrer Entdeckung, zum ersten Mal außerhalb ihrer tropischen Heimat zur Blüte.

Bereits im November des Entdeckungsjahres gab er seinen außergewöhnlichen Fund u.a. im Gardeners Chronicle bekannt und benannte die Pflanze Conophallus titanum. Arcangeli gab der Art 1879 ihren derzeit gültigen wissenschaftlichen Namen Amorphophallus titanum (Becc.) Becc. ex Arcang.

Nach wie vor betreibt die Familie Beccari das Weingut Vigna Vecchia in Radda Chianti. Die Weinserie Chianti Classico wird jedes Jahr dem Großvater zu Ehren gereift. Der Titanum, ein Weißwein, wird jährlich zu Ehren der Pflanze gekeltert.

Über Odoardo Beccari informiert das Buch Gli occhi di Salgari.

Beschreibung und Vorkommen

Blatt, Knolle und Knospe
Zeichnung Nils Köster

Das Blatt (a) bleibt 12 – 20 Monate stehen, in dieser Zeit wird eine neue Knolle (b) mit doppeltem Gewicht angelegt. Nach kurzer Ruhephase entwickelt sich eine Knospe (c). Die kann wieder zu einem Blatt (a) auswachsen und es geht vorher beschrieben weiter.

Ab einem bestimmten Alter und Gewicht der Knolle, kann sich aus der Knospe (c) aber auch ein Blütenstand (d) entwickeln. Wenn die Blüten nicht bestäubt wurden, stirbt der Blütenstand ab. Nach kurzer Ruhephase erwächst wieder eine Knospe (c) aus der ein Blatt entsteht.

Die blühende Pflanze entstammt einer Knolle, die wir 1988 als winzigen Sämling von Professor Kohlenbach, Frankfurt erhielten. In der Vegetationsphase, die nach der Dreifachblüte von 2006 folgte, haben sich aus der alten Knolle drei neue, vollständig geteilte Tochterknollen gebildet.

Blatt, Knolle und Knospe
a) Rest der alten Knolle
b) Vegetationspunkt
c) Wurzeln
Zeichnung: Nils Köster

Der Blütenstand stellt im blütenbiologischen Sinne eine Blume dar, und zwar die größte im gesamten Pflanzenreich. Die winzigen männlichen und weiblichen Einzelblüten dieses Blütenstandes sitzen basal an der Blütenstandsachse (Spadix) und werden von einem riesigen Hochblatt (Spatha) umhüllt. Durch ihre Form, ihre dunkle braunpurpurne Farbe und ihren üblen Aasgeruch imitiert die Blume einen verwesenden Tierkadaver und lockt kleine nachtaktive Käfer (Aaskäfer Diamesus spec. und Kurzflügler Creophilus spec.) sowie Bienen an (Hetterscheid 1998). Die Tiere kriechen über das trichterförmige Hochblatt oder die aufrechte Blütenstandsachse in das Innere der Blume hinab, um dort ihre Eier abzulegen. Dabei übertragen sie den Pollen und bestäuben die Pflanzen. Die ausschlüpfenden Larven der Käfer müssen aber verhungern, da sich ihre Elterntiere von der Titanenwurz haben täuschen lassen. Aus diesem Grunde nennt man Blumen, die ihre Bestäuber nicht entlohnen, Täuschblumen. Der Fruchtstand kann ebenfalls bis 2 m hoch werden. Die zweisamigen, circa 4 bis 6 cm langen Beerenfrüchte sind leuchtendrot gefärbt und werden wahrscheinlich von Nashornvögeln (Buceros spp.) verbreitet (T.M.Everett, Journ.N.Y.Bot.Gard. 1955).

Die Titanenwurz ist ausschließlich auf der Insel Sumatra (Indonesien) zuhause, wo sie als Unterwuchspflanze in Regenwäldern auf kalkhaltigen Böden zu finden ist. Zur Blüte scheint sie allerdings nur an offenen Stellen, Lichtungen oder entlang der Straßen zu gelangen.

Fruchtstand

Die Titanenwurz 1996 in BonnVon dieser Pflanze entnahmen wir Pollen. Drei Wochen später erblühte eine zweite Titanenwurz mit einem kleineren Blütenstand. Während des Öffnens der Spatha dieser Pflanze erfuhren wir von einem weiteren Exemplar, das ebenfalls zu dieser Zeit im Frankfurter Palmengarten blühte, sich aber bereits in der männlichen Phase befand. Dankenswerterweise bekamen wir vom Palmengarten frischen Pollen, so dass wir unsere Bonner Pflanze sowohl mit frischen Pollen des Frankfurter Exemplars als auch mit den eingefrorenen Pollen unseres drei Wochen früher blühenden Exemplares bestäuben konnten.

Interessanterweise hatten sowohl die Herkunft als auch die unterschiedlichen Methoden der Aufbereitung des Pollens keinerlei Einfluss auf die Befruchtung. Der Fruchtstand entwickelte sich hervorragend, wurde 1,12 m hoch und besaß einen Umfang von ca. 60 cm. Die Beeren waren leuchtend rotorange gefärbt und bis 4,9 cm lang. Die reifen Früchte wurden am 10.12.1996 und am 12.2.1997 geerntet und jeweils einen Tag später, also am 11.12.1996 und am 13.2.1997 ausgesät. Insgesamt haben wir 450 Beeren geerntet, von denen ca. 70 Prozent zwei Samen enthielten. 210 Beeren haben wir an andere Botanische Gärten abgegeben, u.a. Palmengarten Frankfurt, Botanische Gärten von Berlin, Kunming (China), Leiden, Mainz, Nanking (China) und München sowie die Royal Botanic Gardens Kew.

Die restlichen ca. 360 Samen haben wir ausgesät, von ihnen keimten 293 über den langen Zeitraum vom 31.1. bis 23.5.1997. Insgesamt haben wir weitere über 220 junge Knollen weltweit an 41 verschiedene Gärten, u.a. Smith College, USA, Botanische Gärten von Batumi (Georgien), Bogor (Indonesien), Irkutsk und Tver (Rußland), Orotava (Teneriffa), Peking und Thiruvananthapuran (Indien), abgegeben. Eine erfolgreiche Nachzucht gelang bisher erst einmal, und zwar 1992 im Palmengarten. Die Pflanze, die 1937 bei uns blühte, wurde mit eigenem, unreifem Pollen bestäubt. Sie entwickelte einen Fruchtstand, dessen Beeren aber keine Samen enthielten (Koernicke 1938). Kürzlich gelang im Botanischen Garten Huntington eine solche Selbstbestäubung. Die Sämlinge wachsen dort gut heran.

Vermehrung

Die Samen müssen nach der Fruchtreife komplett vom Fruchtfleisch befreit werden, am besten, solange das Fruchtfleisch noch frisch ist. Anschließend sofort aussäen, bei einer Saattiefe von ca. 5 mm werden die Samen einzeln in 9 cm - Töpfe in oben genannte Erde gepflanzt, jedoch in Sand eingebettet; die Samenlage hat keine Auswirkungen auf das Keimen. Töpfe sehr hell stellen und für eine Temperatur von 26 °C, und zusätzlich eine Bodenwärme von 26 °C sorgen. Gleichmäßig, aber nicht zu feucht halten. Während der Ruhephase muss man, wegen der kleinen Töpfe, gelegentlich gießen, um ein völliges Austrocknen zu verhindern!

Aufgrund ihrer schwierigen Kultur und damit verbundenen relativen Seltenheit, stellt das Blühen der Titanenwurz stets ein besonderes Ereignis dar. Einzelne dieser Blütenstände sind, da sie zu einem günstigen Zeitpunkt passierten, als Medienereignis teilweise rund um die Welt gegangen. Aber regional können viele Besucher in die Botanischen Gärten gelockt werden. So kamen in Bonn zu der Blüte 1987 ca. 10.000 und zur Blüte im Mai 1996 innerhalb von nur einer Woche ca. 20.000 Besucherinnen und Besucher. Diese Zahlen zeigen den hohen Stellenwert, den Botanische Gärten und ihre exotischen Pflanzen genießen.

Kultur

Exemplare der Titanenwurz sind in botanischen Gärten selten zu finden. Weltweit haben seit der Entdeckung circa 122 Pflanzen geblüht, und seit dem Zweiten Weltkrieg sind Blühereignisse in Deutschland nur aus Bonn, Hamburg, Leipzig, Mainz, München, Stuttgart und dem Frankfurter Palmengarten (hier seit 1992 circa 20 mal) bekannt geworden. Die Kultur ist sehr schwierig, da die riesige Knolle ausgesprochen empfindlich ist und leicht von Fadenwürmern (Nematoden) befallen wird, die sie dann zerstören. Die meisten Blütenstände wurden von Pflanzen erbracht, deren Knollen direkt aus Indonesien eingeführt wurden, und in der Mehrzahl der Fälle starben die Pflanzen nach der Blüte ab, da die Knollen bereits mit Fadenwürmern befallen ankamen.

Professor Kohlenbach in Frankfurt ging einen anderen Weg, er vermehrte die Titanenwurz meristematisch, das bedeutet, dass im Labor aus einzelnen Zellen unter sterilen Bedingungen Pflanzen gezüchtet werden. Er erhielt auf diese Weise 33 Jungpflanzen, die an verschiedene botanische Gärten, unter anderen auch nach Bonn, verteilt wurden. 1994 blühte hiervon die erste im Botanischen Garten Mainz und sowohl unsere 1996 blühende Pflanze, als auch die von 2000 stammen aus dem Labor von Professor Kohlenbach.

Ein Kulturbegleitblatt zur Titanenwurz können Sie als pdf (2.6 MB) herunterladen.

Alles über die Kultivierung der Titanenwurz

Lobin, W., Neumann, M., Radscheit, M. & W. Barthlott (2007): The cultivation of Titan Arum (Amorphophallus titanum) – A flagship species for Botanic Gardens. Sibbaldia 5: 69-86.
PDF (8.4 MB) | Link zum Journal

Wissenschaftliche Untersuchungen

Korotkova, N. & W. Barthlott (2009): On the thermogenesis of the Titan arum (Amorphophallus titanum). Plant Signaling & Behavior 4:11, 1-3.
Link zum Artikel

Barthlott, W., Szarzynski, J., Vlek, P., Lobin, W., & Korotkova, N. (2008): A torch in the rainforest: thermogenesis of the Titan Arum (Amorphophallus titanum). Plant Biol., doi: 10.1111/j.1438-8677.2008.00147.x
PDF ist auf Anfrage erhältlich