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Sammlungen

Pflanze des Monats Dezember 2002

Die Mistel

Sicherlich haben Sie bei einem Spaziergang durch den kahlen Wald schon einmal den Blick in Richtung goldener Wintersonne gehoben und dabei die wie riesige grüne Vogelnester anmutenden Kugelbüsche unserer heimischen Mistel entdeckt, die die Wälder Europas und Asiens in der grauen Jahreszeit ziert.Bei genauerem Hinsehen fallen die wie Perlen schimmernden Beeren an diesem immergrünen Strauch besonders auf. Jedoch tragen nur die weiblichen Pflanzen diesen beliebten Schmuck, während die männlichen Exemplare lediglich unscheinbare Blüten hervorbringen.

Der lateinische Name der Mistel lautet Viscum album. Er gibt uns Hinweise auf zwei Eigenschaften der botanisch korrekt als Scheinbeeren zu bezeichnenden Früchte. Zerdrückt man eines dieser weißen (lat. albus) Kügelchen, bemerkt jeder sofort wie klebrig (lat. viscosus) die äußere Hülle an den Fingern haftet. Diese Besonderheit dient der Verbreitung der Samen sowohl innerhalb einer einzelnen Baumkrone, wenn Äste aneinander reiben, als auch über weitere Strecken am Schnabel oder im Darm eines Vogels, der bei nächster Gelegenheit seine Fracht an einem anderen Baum abstreift. Die Mistel keimt besonders gut auf Apfelbäumen, Pappeln, Weiden und Linden. Zwei Unterarten sind aber auch auf Nadelgehölzen zu finden. Dank ihrer weichen Borke ermöglichen es die Wirtsbäume dem jungen Keimling, problemlos bis ins Holz einzudringen. Von dort versorgt sich die Mistel dann über spezielle Saugwurzeln mit lebensnotwendigen Nährsalzen und Wasser. Da sie mit Hilfe ihrer grünen Blätter selbst Nährstoffen produzieren kann, wird sie als Halbschmarotzer bezeichnet. Jedoch stellt weniger der Wasserentzug ein Problem für den Wirt dar, als viel mehr das zunehmende Gewicht der Mistelkolonie in der Krone. Um unkontrollierten Bruch von wertvollen Bäumen zu verhindern, musste der Botanische Garten Bonn daher dieses Jahr baumpflegerische Maßnahmen ergreifen.

In grauer Vorzeit wäre für unsere Mitstelschneideaktion anstelle einer mit Motorsägen bewaffneten Mannschaft eine ausgewählte Elite von Druiden mit goldenen Sicheln angerückt. Denn seit Menschengedenken gilt die Mistel als Zauberpflanze mit starken, überirdischen Kräften, durch die sie sogar im Winter, wenn alles andere kahl war, ihr grünes Kleid behielt. Während in der germanischen Götterwelt die Mistel als Symbol für das Böse auftaucht, gilt sie bei den Druiden, den Priestern der Kelten, als eine von Himmel gefallene und daher göttliche Pflanze, die eine zentrale Rolle bei vielen Kulthandlungen (z.B. beim Neujahrsritual) spielte. Als Allheilmittel und Symbol für Fruchtbarkeit war sie bis ins Mittelalter hinein sehr beliebt und genoss auch in ihrer entfernteren Heimat Asien ähnliches Ansehen. Bewunderer fand die Mistel in jüngerer Zeit unter den Anhängern der Jugendstils, die für ihre ornamentale Gestalt schwärmten. Besonders in England, dem früheren geistigen Zentrum der Kelten hat sich noch einiges von den damaligen Ritualen erhalten und so wird die Mistel heute noch als Glücksbringer zu Neujahr ins Haus gehängt.Auch der allseits beliebte Brauch des Küssens unter einem Zweig stammt von alten Fruchtbarkeits- und Hochzeitsmythen ab. Die christliche Kirche hatte es also trotz Jahrhunderte langer Verbannung nicht geschafft die Kraft der heidnischen Pflanze zu brechen.

Neben all diesen mystischen Stärken wird die Mistel heutzutage auch erfolgreich in der Medizin zur Behandlung von hohem Blutdruck, bei Krebsleiden und in der Homöopathie eingesetzt. Die Volksmedizin kannte zudem Anwendungen bei Epilepsie, Schlafstörungen, Schwindel und Ängstlichkeit. Von einer selbst durchgeführten Therapie ist jedoch Abstand zu nehmen, da die Mistel in allen Teilen giftig ist.

So nimmt die Mistel eine Stellung zwischen Gut und Böse, zwischen Himmel und Erde ein. Geschadet hat es jedoch noch nie, sich einen Glücksbringer ins Haus zu holen, um dann vielleicht auch einen Kuss unter dem Mistelzweig zu ergattern.


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