Süßwasserschwämme

SüßwasserschwammIn nährstoffreichen, stehenden und fließenden Gewässern kann man mit etwas Glück Süßwasserschwämme entdecken. Sie wachsen flach, krustenförmig bis klumpig und bilden selten auch fingerförmige Strukturen aus. Ihr Größenspektrum reicht von wenigen Millimetern bei Jungschwämmen bis zu einigen Zentimetern bei älteren Exemplaren. Im Licht gewachsene Süßwasserschwämme erscheinen grün durch eingelagerte symbiotische Algen (Zoochlorellen), während im Schatten gewachsene Exemplare weißgrau, graugelb bis graubraun sind. Süßwasserschwämme findet man häufig auf Steinen, manchmal auch auf Holz (Wurzeln und Ästen) und anderen Hartsubstraten wie zum Beispiel Eisen, Kunststoff oder Glas.

Das Gewebe der Süßwasserschwämme wird durch ein Gitterwerk aus zahlreichen 0,2 mm langen, spitzen, glasartigen Nadeln gestützt. Diese Nadelskelett-Elemente bestehen hauptsächlich aus Siliziumdioxid (Kieselsäure). Bei den 5 einheimischen Schwammspezies weisen diese Nadeln nur mikroskopisch erkennbare Unterschiede auf, die bei einer genauen Artbestimmung herangezogen werden.

Süßwasserschwämme sind sessile Filtrierer. In ihrer Oberfläche können sie zahlreiche Poren öffnen, durch die Partikel bis zu einer Größe von 0,05 mm eingesogen werden können. Diese Partikel gelangen dann mit der Wasserströmung in das verästelte Röhrensystem, bleiben dort an verengten Stellen hängen und werden direkt von den Wandzellen aufgenommen. Die Wasserströmung wird durch tausende kleiner kugeliger Kragengeißelkammern (Durchmesser 0,05 mm) erzeugt, die im Gewebe an den Grenzflächen der ineinandergeschachtelten, verzweigten, ein- und ausführenden Kanalsysteme angeordnet sind. Allerfeinste Partikel (kleiner als 0,003 mm) wie Bakterien und Viren werden erst in den Kragengeißelkammern herausgefiltert. Die Verdauung findet in den Zellen statt. Süßwasserschwämme sind somit biologische Ultrafilter und leisten einen wichtigen Beitrag zur Selbstreinigung der Gewässer. Wegen der Poren in ihrer Oberfläche nennt man den Tierstamm, zu dem sie gehören, Porifera - Lochträger. Er umfasst weltweit etwa 5000 Arten, von denen nur 200 im Süßwasser vorkommen.

Süßwasserschwämme findet man am ehesten von Mai bis September, denn vom Herbst bis zum Frühjahr überdauern sie monatelang als unscheinbare Dauerstadien, die Gemmulae genannt werden. Eine Gemmula („kleine Knospe“)ist etwa 0,5 mm groß und kugelig. Sie enthält Zellen, die prall mit Reservestoffen gefüllt sind, und die von einer derben Schale umhüllt werden. Wenn die Ruhephase vorbei ist und die Wassertemperatur wieder ansteigt, öffnet sich die Schale an einer präformierten Stelle (Micropyle). Innerhalb von wenigen Tagen verlassen die Zellen als Gewebeverband die Gemmulaschale und entwickeln sich zu einem 1-2 mm großen Jungschwamm, der mit anderen Jungschwämmen bei Kontakt zu einem Individuum fusionieren kann. Die Gemmulae können neben der Überwinterung auch zur Verbreitung und Vermehrung der Schwämme beitragen. Vermutet wird, dass gründelnde Enten die Gemmulae aufnehmen und in andere Gewässer übertragen.

Süßwasserschwämme sind auch in der Lage, sich geschlechtlich fortzupflanzen. Sie sind getrenntgeschlechtlich und bilden aus Zellen direkt Spermien oder Eier. Aus den befruchteten Eiern entwickeln sich im „Mutterschwamm“ bewimperte Larven von etwa 0,3 bis 0,5mm Größe. Diese Parenchymula-Larven schwimmen ein bis zwei Tage lang umher und heften sich dann auf einem Substrat fest. Innerhalb von wenigen Tagen wachsen sie zu einem Jungschwamm heran.

Süßwasserschwämme sind neben ihrer ökologischen Bedeutung auch für Forschung und Lehre interessante Tiere, denn sie bieten die Möglichkeit alle Lebensvorgänge am intakten Organismus bis hinunter zur zellulären Ebene mikroskopisch zu verfolgen. Weil sich die Gemmulae einfach in einem Kühlschrank aufbewahren lassen, ist es möglich, das ganze Jahr über Beobachtungen und Experimente mit Schwämmen aus gekeimten Gemmulae zu machen.

Text: Dr. Georg Imsiecke, Bonn

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